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Ausgabe 3/15


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studienfahrten.at und die aktuelle Ausbildung von Guides

Studienfahrten nehmen seit über 23 Jahren eine zentrale Rolle in der Arbeit des Vereins GEDENKDIENST ein. SchülerInnen, Studierende, politische Jugendgruppen, geschichtlich und politisch interessierte Erwachsene – kaum eine gesellschaftliche Gruppe, die in den letzten Jahren nicht erreicht worden wäre. Teilweise wurden innerhalb eines Jahres fast zwanzig Fahrten an verschiedenste Ziele durchgeführt. Aber worum geht es auf Studienfahrten, wie unterscheiden sie sich von ,normalen‘ Bildungsreisen, wer betreut sie? Und wie sehen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft des Projekts studienfahrten.at aus? Oft wird der Besuch an einem Ort des nationalsozialistischen Terrors gewissermaßen als heilsamer Schock, als Gelegenheit rechtsextreme, rassistische und antisemitische Einstellungen zu bekämpfen und die BesucherInnen zu läutern und zu besseren Menschen zu machen, verstanden. Mehrtägige Studienfahrten, wie sie vom Verein GEDENKDIENST organisiert werden, versuchen diesem verbreiteten Anspruch an Erinnerungsorte entgegenzuwirken. 2010 definiert Till Hilmar Studienfahrten wie folgt: „Studienfahrten, so wie sie im Verein GEDENKDIENST seit gut 20 Jahren durchgeführt werden, sind mehrtägige, didaktisch betreute Bildungsreisen an NS-Gedenkstätten, Erinnerungsorte und zeitgeschichtliche Einrichtungen. Sie lassen sich durch drei Aspekte charakterisieren: erstens die Mehrtägigkeit der Programme, zweitens die didaktische und inhaltliche Betreuung als Kontakt zwischen Gruppe, Ort und Geschichte, drittens der Reisecharakter/Exkursionscharakter.“1

 

Auf inhaltlicher und didaktischer Ebene rückt vor allem der zweite Aspekt, die Frage nach der Betreuung in den Vordergrund. Wie können Fahrten an unterschiedlichste Erinnerungsorte, also KZ-Gedenkstätten, Orte des Widerstandes, ehemalige und aktuelle jüdische Einrichtungen, Museen und Ausstellungen, oder Orte, die in einer weniger spezifischen Weise mit dem Nationalsozialismus verbunden sind, auf eine solche Art und Weise betreut werden, dass am Ende mehr bleibt als Schock und Überwältigung? Wie können die verschiedenen gestellten Ansprüche, etwa der Erwerb von historischem Wissen, die Erinnerung an die Opfer der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft oder nicht zuletzt die Auseinandersetzung mit der eigenen Verantwortung während einer Studienfahrt vereint/erfüllt werden? Die vielleicht wichtigste Antwort auf diese Fragen ist die, dass eine abschließende Antwort nicht möglich und vielleicht unter Umständen auch gar nicht wünschenswert ist. Entscheidend ist es wohl, die komplexe Gleichzeitigkeit von ,authentischem Ort‘ außerschulischem Setting und Mehrtägigkeit unter einen Hut zu bekommen.

 

Doch wie ist es möglich, den eigenen Ansprüchen an Planung und Betreuung, an inhaltliche und pädagogische Betreuung gerecht zu werden? An diesem Punkt rückt die professionelle und inhaltlich fundierte Ausbildung von Guides in den Vordergrund und lässt jene zu den zentralen AkteurInnen werden.

 

Ein facheinschlägiges Studium oder auch die Tätigkeit an einer (einzelnen) Gedenkstätte oder einem einzelnen Erinnerungsort sind meistens nicht ausreichend, um diesem Anspruch an didaktische und inhaltliche Fähigkeiten gerecht zu werden. Bis 2008 gab es in Österreich dafür keine Ausbildung. Das Projekt studienfahrten.at des GEDENKDIENST schließt hier eine Lücke in der österreichischen historisch-politischen Bildungslandschaft.

Seit 2008 wurden und werden vom Verein GEDENKDIENST im Rahmen von drei Ausbildungslehrgängen fast 30 Guides ausgebildet. Im Rahmen des Projekts Erinnerungsorte vernetzen befinden sich seit März 2015 weitere sechszehn in Ausbildung – der zugrunde liegende Anspruch ist derselbe geblieben: „Guides müssen einerseits in der Lage sein, fachdidaktische Anforderungen zu erkennen. Andererseits müssen sie mit gruppendynamischen Prozessen und Entwicklungen umgehen können um die Gruppen nicht zu überfordern, sondern auf die spezifischen Bedürfnisse der Teilnehmenden einzugehen.“2

 

Guides sollen einerseits vertiefende pädagogische Kompetenzen erwerben und andererseits in der Lage sein, Studienfahrten von Anfang bis zum Ende zu betreuen. Dies schließt, neben der unmittelbaren Begleitung der Gruppe – vom Vorbereitungstreffen über die Fahrt bis hin zur Nachbereitung –, auch die Fähigkeit mit ein, Angebote zu erstellen und durchzuplanen und hierbei auf die spezifischen Bedürfnisse von Gruppen einzugehen. In der derzeitigen Ausbildung wird versucht, diesem vielfältigen Anforderungsprofil u.a. durch die Einbindung von ExpertInnen aus unterschiedlichsten Feldern – etwa Gedenkstättenpädagogik, Rechtsextremismus-Prävention oder Gruppendynamik-Training – gerecht zu werden. Aber auch das Wissen und die Erfahrungen von bereits ausgebildeten und langjährig tätigen Guides sind für die Ausbildung bereichernd und nicht verzichtbar. Die oft langjährige Arbeit im Verein, die gesammelten Erfahrungen im Bereich der Betreuung von Studienfahrten und die Beteiligung an den vergangenen und aktuellen Projekten des Studienfahrtenprojekts3, etwa Orte der Erinnerung – im Hier und Heute von 2012 bis 2013 mit einem Schwerpunkt auf Menschenrechtsbildung oder Erinnerungsorte vernetzen mit dem Hauptaugenmerk auf transnationaler Erinnerungsarbeit, stellen in fachlicher Hinsicht einzigartige Ressourcen dar.

 

Das hier kurz skizzierte Projekt studienfahrten.at ist ein Alleinstellungsmerkmal des Vereins GEDENKDIENST in der österreichischen Erinnerungslandschaft und wohl auch in der historisch-politischen Bildung im deutschsprachigen Raum. Durch die Ausbildung von neuen Guides und die Wissensweitergabe durch erfahrene Guides kann der Verein auch in Zukunft seinem Anspruch an Studienfahrten nachkommen und vielen Menschen die Möglichkeit bieten, sich inhaltlich durch fachlich geschulte didaktische Betreuung mit den Verbrechen des Nationalsozialismus auseinanderzusetzen.

 

Matthias Vigl

 

Langjähriges Vereinsmitglied, 2008 Ausbildung zum Studienfahrten-Guide, seit 2009 in der Arbeitsgruppe studienfahrten.at tätig und seit 2015 Leiter des Projekts studienfahrten.at.

 

Kommentare:

 

Anna Schulte,

Guide-Ausbildung 2015/2016 „Ich habe ein Jahr als Freiwillige an der Internationalen Jugendbegegnungsstätte in Auschwitz verbracht und dort mit Gruppen gearbeitet. Diese Aufgabe hat mir sehr gefallen und ich finde es herausfordernd, als Betreuerin in der historisch politischen Bildung zu arbeiten.“

 

Lukas Dünser,

Guide-Ausbildung 2011/2012 „Das Organisieren und Begleiten von Studienfahrten reizt mich natürlich aus mehreren, vor allem aber zwei Gründen. Zum einen ist jede Studienfahrt für mich persönlich ein Kulminationspunkt der für mich alltäglichen und schon lange andauernden Beschäftigung mit Nationalsozialismus und Holocaust, eine Aufforderung an mich, Literatur wieder aufzufrischen und mich in Themen einzulesen, die eventuell bei der vorherigen Studienfahrt aufgekommen sind. Zum anderen ist es die einzigartige Möglichkeit, mehrtägig mit einer Gruppe zu arbeiten und individuelle Lernprozesse zu begleiten, die sich aus einer kurzfristigeren VermittlerInnenposition heraus nicht beobachten lassen.“

 

1 Till Hilmar, Abschied vom Erinnerungsort. Studienfahrten als Form der Auseinandersetzung mit NS und Holocaust, in: ders., Hg., Ort, Subjekt, Verbrechen. Koordinaten historisch-politischer Bildungsarbeit zum Nationalsozialismus, Wien 2010, 76.

 

2 Till Hilmar/Klaus Kienesberger, Gemeinsam Erinnerungsorte erschließen. Die Guide-Ausbildung des Projekts „studienfahrten.at“, in: Till Hilmar, Hg., Ort, Subjekt, Verbrechen. Koordinaten historisch-politischer Bildungsarbeit zum Nationalsozialismus, Wien 2010, 121.

 

3 Siehe etwa: www.studienfahrten.at/typo3/index.php (25.11.2015).