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Ausgabe 3/15


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vor.gelesen | rezensionen

Gedenkstättenpädagogik. Kontext, Theorie und Praxis der Bildungsarbeit zu NS-Verbrechen

Elke Gryglewski et al. (Hg.), Metropol, Berlin 2015

 

Jubiläen und Jahrestage sind für Personen, die beruflich in historischen Feldern tätig sind, bekanntlich ambivalent. Sie sind ein Fluch, weil die Öffentlichkeit Histotainment erwartet, das oft genug auch geliefert wird. Sie sind aber auch Segen, weil sie nicht nur oft Themen in den Fokus rücken, die sonst unsichtbar bleiben würden, sondern sowohl in der wissenschaftlichen Szene als auch im Kreis der potentiellen FördergeberInnen Bereitschaft schaffen, finanzielle Ressourcen frei zu geben um sich erneut mit bereits Bearbeitetem auseinander zu setzen. So verhält es sich auch mit diesem Band. 70 Jahre nach dem Ende der nationsozialistischen Herrschaft und 20 Jahre nach einem ersten Buch zum Thema Gedenkstättenpädagogik, wird erneut ein Versuch gestartet, die ‚großen Linien‘ darzustellen, ohne die „Vielfalt der gedenkstättenpädagogischen Arbeit“ (S. 9) aus den Augen zu verlieren.

 

Die Mitherausgeberin Christa Schikorra weist im moderierten Gruppengespräch, das eine Einleitung ersetzen soll – diese Vielstimmigkeit und Pluralität ist ein Kennzeichen des gesamten Bandes – darauf hin, dass das Buch „Gelegenheit zur Selbstverständigung“ (S. 10) sein soll. Es soll feststellen, wo die teilweise institutionalisierte, teilweise durchaus immer noch ungebundene Gedenkstättenpädagogik heute steht. Das Buch ist in drei etwa gleich lange Bereiche aufgeteilt. Der erste Teilbereich „Rahmen und Perspektiven“ versucht einen Überblick über die historische Entwicklung des Feldes, die Rahmenbedingungen in Konkurrenz und Zusammenarbeit mit Schulen, Museen staatlichen Stellen und schließlich auch über die arbeitsweltlichen Bedingungen zu geben. Der zweite Teilbereich „Stärken und Herausforderungen“ stellt Alleinstellungsmerkmale, wie die regionale Vielfältigkeit und das Eingeständnis von Schwächen, in den Vordergrund, etwa dass beim Thema politische Bildung „die angeregte moralische Urteilsbildung nur durch eine spezifische Fragestellung zum politischen Lernen“ (S. 165) wird. Dem Thema „Zugänge und Methodik“ sind schließlich die Beiträge im abschließenden Teil gewidmet. Hier zeigt sich ein weiteres Mal die Breite des Themas. Texte zu mehrtägigen Angeboten, zur Diskussion von Authentizität von Objekten und zum Einsatz von virtuellen Medien in der Vermittlung stehen neben Texten zu künstlerischen Zugängen und Familiengeschichte.

 

Kritisch anzumerken ist allerdings die thematische und räumliche Konzentration auf die Bundesrepublik Deutschland. Historisch-politische Bildung findet auch anderorts statt. Außenperspektiven, sowohl aus dem deutschsprachigen Raum als auch aus internationalen Kontexten, wären eine willkommene Ergänzung gewesen.

 

Die HerausgeberInnen beschreiben das Buch als mögliche Einführung für Menschen, die im Bereich der Gedenkstättenpädagogik arbeiten – wenn man so will als Ausbildungshilfe. Die Breite, der große Überblick über weite Teile des Feldes ist die große Stärke des Bandes. Sich rasch am aktuellen Forschungsstand in das Thema einlesen zu können ist jedenfalls sowohl für KennerInnen des Themas als auch für NeueinsteigerInnen von unschätzbarem Wert.

 

Matthias Vigl

 

 

Fußball unterm Hakenkreuz in der „Ostmark“

David Forster, Jakob Rosenberg, Georg Spitaler (Hg.), Verlag Die Werkstatt, Göttingen 2014.

 

Der sportgeschichtliche Sammelband von David Winterfeld (geb. Forster), Jakob Rosenberg und Georg Spitaler ist keine klassische Sportgeschichte. In der Tradition kritischer Zeitgeschichte versammeln die drei Herausgeber Beiträge von WissenschaftlerInnen, die in Österreich, Deutschland und Dänemark tätig sind und unterschiedliche Aspekte der Historie des runden Leders in der ‚Ostmark‘, also dem Gebiet Österreichs während der NS-Herrschaft, beleuchten. Der Fokus des Bandes liegt dabei im ersten Teil auf der Geschichte des Fußballs in Wien, sporthistorischen Aspekten der Stadtgeschichte sowie Wiener Fußballklubs. Der nächste Bereich der Arbeit beschäftigt sich mit Fußball in der ‚Provinz‘, also in den heutigen österreichischen Bundesländern. Weiters werden Schwerpunkte auf das ‚Altreich‘ und den vom Deutschen Reich besetzten Gebieten sowie auf Schlüsselereignisse – „Schlüsselspiele“ – gelegt. Der Sammelband wird durch zwei Beiträge zur Erinnerungskultur anhand kontroverser Beispiele aus der Vergangenheit der Wiener Traditionsklubs SK Rapid und Austria Wien abgerundet.

 

Der multiperspektivische Blick auf die Geschichte des Fußballes in Österreich mit betont kritischer Note kommt nicht von ungefähr – alle drei Herausgeber sind Mitarbeiter des Fußballmagazins ballesterer bzw. schreiben für dieses zehnmal jährlich erscheinende Sportblatt. Fußball im Nationalsozialismus wird hier nicht nur unter sportgeschichtlichen Fragestellungen beleuchtet sondern als Prisma für gesellschaftspolitische Fragestellungen verwendet, etwa indem Problematiken wie Identitätskonstruktionen, nationalsozialistisches nation building, der Ausschluss und die Enteignung jüdischer Sportler bzw. Sportfunktionären und die Konstruktionen von Vereinsidentitäten sowie die Verklärung und Mystifizierung von Ereignissen und Personen behandelt werden.

 

Der Sammelband erweitert den oft vorherrschenden Fokus auf Wien um Untersuchungen von Fußballvereinen aus ‚Oberdonau‘, der Steiermark, Vorarlberg und Salzburg und betont dabei die „Aufwertung der Provinz“ (S. 17) nach dem sogenannten ‚Anschluss‘. Diese neuen Erkenntnisse unterstreichen aber umso mehr die Forschungslücken, die insbesondere in der Geschichte von Vereinen in den Bundesländern noch vorherrschen. Besonders spannend ist der Ansatz des Bandes ‚österreichische‘ Klubs in den deutsch-besetzten Gebieten zu untersuchen, also ‚nichtgroßdeutsche‘ Perspektiven einzubringen. Kontrovers und im besten Sinne des Wortes aufklärerisch sind die letzten beiden Beiträge zum ‚Versöhnungsspiel‘ zwischen Deutschland und Österreich im April 1938 und die vielfach tradierte Rolle des Austrianers und ‚Ariseurs‘ Matthias Sindelar, die in der österreichischen Fußballszene sicher noch lange nachwirken werden.

 

Die multiperspektivische Zusammenstellung aktueller Forschungsergebnisse auf 351 Seiten bietet einen guten Überblick über kritische Untersuchungen des österreichischen Fußballs. Ebenso positiv anzumerken ist, dass das Buch durch diesen Ansatz nicht nur für ein Fachpublikum sondern auch allgemein für Fußball- und zeitgeschichtlich Interessierte eine spannende Einführungslektüre darstellt. Die einzelnen, teils sehr unterschiedliche Aspekte beleuchtenden Artikel können dadurch aber nur zusammenfassen. Der Vergleich mit anderen Sportarten und eine Kontextualisierung mit nationalsozialistischer Sportpolitik abseits von Fußball könnten weitere spannende Fragestellungen eröffnen. Möge dieser gelungene Sammelband Anreiz für andere Sportarten sein, sich ihrer Zeitgeschichte kritisch zu stellen.

 

Lukas Meissel