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Ausgabe 4/15


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Prosit! Das Jubiläums- und Gedenkjahr 2015

Das Jahr 2015 bot Historikerinnen und Historikern, aber auch der Öffentlichkeit zahlreiche Möglichkeiten, sich mit der jüngsten oder ferneren Vergangenheit auseinanderzusetzen. Es gab einiges zu feiern in diesem Jahr. Zahlreiche Jubiläen und Gedenktage ließen die Anzahl an Publikationen, Ausstellungen, Konferenzen, Tagungen, Workshops oder einfach ‚nur‘ Feierlichkeiten stark ansteigen, oft auch in Verbindung mit staatstragenden Implikationen. So fand etwa eine mehrtägige Konferenz inklusive Abendempfang im Bundeskanzleramt am Ballhausplatz zum 200-jährigen Jubiläum des Wiener Kongresses 1814/151 statt; eine Ausstellung wurde zum Kriegsende in Europa 19452 unter Beisein des Bundespräsidenten eröffnet. Auch drei Wiener Universitäten jubilierten: die Universität Wien feierte das 650-jährige, die Veterinärmedizinische Universität Wien das 250-jährige und die Technische Universität Wien das 200-jährige Bestehen. Die Universität Wien zelebrierte das Jubiläum über das gesamte Jahr 2015 verteilt mit kleineren und größeren Veranstaltungen sowie einigen Ausstellungen, untermalt wurde das Jubiläum durch großangelegte Werbe- und Imagekampagnen. An dieser Stelle könnten noch weitere Jubiläen und Gedenktage angeführt werden – ein Versuch hierzu findet sich auf der nächsten Seite. Manche Termine sollten zum Nachdenken anregen, wie etwa der 100. Jahrestag des Genozids an den Armenierinnen und Armeniern im Osmanischen Reich.

 

Doch welche Bedeutung hat ein Jubiläumsjahr? Welches Geschichtsverständnis und welche Form wissenschaftlicher Auseinandersetzung fördert ein Jubiläum oder ein Gedenktag? Welche wichtigen Aspekte werden nicht thematisiert? Wie sinnvoll ist es, auf bestimmte historische Ereignisse vorwiegend hinzuweisen und sich insbesondere wissenschaftlich damit auseinanderzusetzen, wenn ein Jubiläum ansteht? Ist öffentlichkeitswirksame Präsentation das wichtigste in der Geschichtswissenschaft? Der dichte Veranstaltungskalender des Jahres 2015 bot reichlich Gelegenheit, diesen Fragen nachzugehen.

 

Ein Jubiläumsjahr oder Gedenktag sichert Ergebnissen der Geschichtswissenschaft eine höhere Aufmerksamkeit, sowohl von Seiten der Öffentlichkeit, der Medien als auch innerhalb der Politik. Die Kombination von öffentlichem und politischem Interesse erleichtert das Einwerben aus größeren und kleineren Fördertöpfen und ermöglicht eine Auseinandersetzung mit Fragestellungen und Themenfeldern, die bis dahin weniger Beachtung fanden. Doch kann sich Geschichtswissenschaft darauf reduzieren lassen, sich vor allem in Gedenkjahren und -tagen mit bestimmten Themen auseinanderzusetzen? Hieraus ergeben sich einige kritische Aspekte. Durch die Orientierung an Jubiläen wird ein unverhältnismäßig stark ereignis- und personenbezogenes Geschichtsverständnis gefördert. Die Fokussierung auf ein Jahr von dem aus die Geschichte erzählt wird, birgt die Gefahr, dass kultur-, geschichts- und gesellschaftspolitische Zusammenhänge und Strukturen in den Hintergrund rücken. Oftmals wird der Versuch unternommen, komplexe Entwicklungen der Geschichte durch Darstellung einer ,Sternstunde‘ positiver oder negativer Art zu erzählen. Dadurch fehlen jedoch oft die Einordnungen der Forschungsergebnisse in einen Kontext und ein Blick auf längere Perspektiven. Dies drückt sich auch in der Finanzierung von Jubiläen und Gedenktagen aus. Förderungen werden stärker auf kurzfristige öffentlichkeitswirksame Projekte gerichtet und weniger auf mittel- und langfristige Grundlagenforschung. Und ist das Gedenkjahr einmal um, so ist auch das Interesse von Seiten der Öffentlichkeit und der PolitikerInnen meistens weg. Damit ist auch der Rahmen der Präsentation bereits klar abgesteckt. Die Ausstellungen und Projekte innerhalb eines Jubiläums- oder Gedenkjahres haben oft ein Ablaufdatum.

 

Ein weiteres Problem betrifft die Auswahl der Themen. Welches Jubiläum, welcher Gedenktag wird gefeiert, welcher ist nur eine Randnotiz im Veranstaltungskalender? Die Auswahl ist im Grunde immer von Interessen geleitet, willkürlich und vor allem auch durch geschichtspolitische Narrative geprägt. Als Beispiel sei hier auf die Ausstellungen zum 50. Jahrestag der Unterzeichnung des österreichischen Staatsvertrages im Jahr 2005 verwiesen. Der ebenfalls geschichtsträchtige Jahrestag der Unterzeichnung der Unabhängigkeitserklärung am 27. April 1945, in welcher der ‚Anschluss‘ Österreichs 1938 für null und nichtig erklärt wurde, fand in den Ausstellungen weniger Beachtung. Auch im Jahr 2015 war dieser Tag nicht mehr als eine Randnotiz im Jubiläumsreigen. Damit fördern Jubiläen und Gedenktage auch das nation building. Staatliche Interessen wurzeln oft in vergangenheitspolitischen Überlegungen und gestalten den inhaltlichen Rahmen eines Jubiläums- oder Gedenkjahres mit.

 

„Jubiläen oder Gedenkjahre sind das Gegenteil einer kritischen Geschichtswissenschaft“.3 So formulierte es der Generaldirektor des Österreichischen Staatsarchives Wolfgang Maderthaner im Zusammenhang mit dem Jubiläums- und Gedenkjahr 2014 und die öffentlichkeitswirksame Präsentation des Ersten Weltkriegs. Zugegebenermaßen bot dieser Schwerpunkt der Gesellschaft die Möglichkeit, sich mit bis dahin wenig beachteten Themenfeldern auseinanderzusetzen. Doch Thematisierungen sind nur sinnvoll, wenn Problembewusstsein geschaffen wird und nicht moralische Fragen im Vordergrund stehen, führte Maderthaner weiter aus. Das Feiern von Jubiläen und das Erinnern an historische Ereignisse verdeutlichen durchaus ein gesellschaftliches Interesse an geschichtspolitischen Zusammenhängen. Dies ist grundsätzlich positiv und bietet die Möglichkeit kritische Nachfragen an zentrale Thesen der Forschung zu stellen und neue Perspektiven zu beleuchten. Dennoch sollten auch Jubiläen und Gedenktage verstärkt von vergangenheitspolitischen Engführungen gelöst werden. Dazu ist es notwendig bestimmte Ereignisse, Kontinuitäten und Zäsuren stärker aus einer internationalen und transnationalen Perspektive zu betrachten sowie gesellschaftliche Zusammenhänge und Strukturen vermehrt in die Analyse einzubinden. Aber Gedenktage und Jubiläen können auch zum Thema historischer Kritik werden, denn Fragen an die Vergangenheit reflektieren auch immer Probleme der Gegenwart. Eine Betrachtung der Veränderungen im Umgang mit bestimmten historischen Ereignissen lassen auch immer Rückschlüsse auf gesellschaftliche Transformationen zu und sagen somit auch immer etwas über den aktuellen Status von Gesellschaften aus.

 

Redaktion der Zeitung GEDENKDIENST

 

1 Die Konferenz Der Wiener Kongress 1814/15. Politische Kultur und internationale Politik fand vom 17. Bis 20. Juni 2015 statt.

2 Die Ausstellung 41 Tage. Kriegsende 1945. Verdichtung der Gewalt war vom 16. April bis 3. Juli 2015. am Wiener Heldenplatz zu sehen.

3 www.wienerzeitung.at/themen_channel/wz_reflexionen/zeitgenossen/640760_Unsere-Zeitgenossen.html (09.03.2016).