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Ausgabe 4/15


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Ein Forschungsprojekt über den Genozid im Osmanischen Reich am United States Holocaust Memorial Museum in Washington

Es gibt wohl kaum einen Entsendeverein, der junge Menschen mit der gleichen Gewissenhaftigkeit und Gründlichkeit auf ein Auslandsjahr vorbereitet, wie der Verein GEDENKDIENST. Und dennoch, in Wahrheit wusste wohl keiner von uns so recht, was uns nach dem letzten Vorbereitungsseminar an unseren Einsatzstellen wirklich erwarten würde. Mein Gedenkdienst am United States Holocaust Memorial Museum (USHMM) begann eigentlich so richtig am 28. August 2014. Noch keine zwei Wochen im Dienst betraute mich mein Vorgesetzter, Peter Black, mit der Aufgabe, ein Sekundärwerk zum Genozid an den Armenierinnen und Armeniern 1915/16 zu durchsuchen, Schlüsselprimär- und -sekundärquellen zu erfassen und gemeinsam mit den zentralen Thesen des Werks zu dokumentieren.

 

In der staatlichen armenischen Geschichtsschreibung wird der Beginn des Armeniergenozids mit 24. April 1915 datiert, dem Tag als die Regierung des Osmanischen Reichs 240 bekannte Mitglieder der armenischen Gemeinde in Istanbul verhaften ließ. Anlässlich des sich nähernden 100. Jahrestags war zu erwarten, dass sich das wissenschaftliche, öffentliche und mediale Interesse zunehmend diesem politisch brisanten Thema zuwenden würde. Aufgrund dessen ließ das USHMM eine interne Publikation über dieses Thema erarbeiten, um eine gefestigte wissenschaftliche Grundlage für zukünftige Aussendungen des Museums1 aufliegen zu haben.

 

Was für mich mit der Sichtung eines Sekundärwerks begonnen hatte, gewann schon bald an Umfang. Peter Black (Projektleiter), Hannah Meyer (Praktikantin unserer Abteilung) und ich hatten innerhalb weniger Wochen einen Pool von vertrauenswürdigen Sekundärquellen herausgearbeitet und begannen anschließend intensiv deutsch-, englisch-, türkisch- und französischsprachige Primärquellen zu recherchieren und dokumentieren. Vor allem deutschsprachige Primärquellen, die Korrespondenz von deutschen und österreichischen Diplomaten, erwiesen sich für unsere Arbeit von zentraler Bedeutung, da diese als Bündnispartner des Osmanischen Reichs nicht verdächtigt werden konnten, feindliche Propaganda zu verbreiten. Zu unserem Glück waren diese Quellen für uns leicht zugänglich.

 

Allmählich entwickelte sich aus unserer Forschungsarbeit ein mehrere hundert Seiten umfassendes Dokument. In unterschiedliche Themenbereiche gegliedert, setzten sich Primärquellen entstammende Informationen und die letzten historischen Erkenntnisse zu einem weitläufigen Bild zusammen. Es gelang uns mit zunehmender Genauigkeit festzuhalten, welche geschichtlichen und politischen Dynamiken dem Massenmord an den Armenierinnen und Armeniern im Osmanischen Reich vorangegangen waren, die einzelnen Etappen, der von Deportationen und Massemorden geprägten Vernichtung der osmanischen Armenierinnen und Armeniern 1915/16 zu skizzieren und zu eruieren, welche Personen und Gruppen als Täter und Befehlsgeber die Verantwortung zu tragen hatten.

 

Um letzteres zu erforschen, verlagerte sich meine Arbeit mit Sommer 2015 zunehmend in die umfangreichen Bestände der Library of Congress. Über mehrere Wochen hinweg verbrachte ich den Großteil meiner Arbeitszeit mit minutiöser Recherchen an uns anderorts nicht zugänglichen Primär-und Sekundärquellen, die Rückschlüsse auf die zivilen und militärischen Verantwortungsträger zuließen. Aus dieser Arbeit entstanden drei der vier Anhänge unseres Werks, welche die zentralen Persönlichkeiten des Genozids, die Positionen und das Führungspersonal der osmanischen Armeen und die Amtszeiten der Gouverneure der osmanischen Provinzen, den vilayets und sançaks, skizzierten. Auch der vierte und letzte Anhang unseres Projektberichts, eine fast zwanzig Seiten umfassende Übersicht über die wichtigsten Ereignisse, wurde von mir erstellt.

 

Was Ende August 2014 unscheinbar begonnen hatte, konnte mit dem Ende meines Gedenkdienstes praktisch fertiggestellt werden. In meinen letzten Wochen als Gedenkdienstleistender verfasste ich noch Entwürfe der Zusammenfassungen für die zwanzig Kapitel unseres schließlich über 450 Seiten spannenden Werks. Ende August 2015 hieß es schließlich von Washington D.C. und dem USHMM Abschied nehmen und die allerletzten Arbeitsschritte Herrn Black, Frau Meyer und Gabriel Kaufmann, meinem Nachfolger und derzeitiger Gedenkdienstleistender zu überlassen. Gabriel gelang es in kürzester Zeit sich die nötigen Kompetenzen anzueignen, um meine Rolle in der letzten Etape des Arbeitsprozesses zu übernehmen.

 

Viele Erlebnisse des Gedenkdienstjahrs werden mich noch lange begleiten. In Bezug auf meine Arbeit: Das Gefühl großen Glücks, dass ich unter der Leitung von Peter Black, der wohl kompetentesten und bescheidensten Wanderenzyklopädie, an einem derart tiefgründigen Projekts mitwirken durfte.

 

Moritz Reithmayr

Leistete 2014/15 Gedenkdienst am United States Holocaust Memorial Museum (USHMM), Masterstudent für Philosophie an der Universität Wien.

 

Fußnoten

 

1 Vgl. http://www.ushmm.org/information/press/press-releases/museum-statement-on-world-war-icentennial; www.ushmm.org/information/press/press-releases/museum-statement-on-the-100th-anniversary-of-the-armenian-genocide (15.01.2016).

 

Das entstandene Werk ist in seinem gesamten Umfang nicht öffentlich zugänglich, eine Zusammenfassung der Forschungsergebnisse, die von Peter Black und Moritz Reithmayr erstellt wurde, befindet sich als Enzyklopädie-Artikel auf der Webseite des USHMM: http://www.ushmm.org/wlc/en/article.php?ModuleId=10008189.