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Ausgabe 4/15


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„Eine kaum minder zwingende Notwendigkeit als die Ausrottung der Indianer...“ (1) Der Völkermord an den Armenierinnen und Armeniern und seine Bedeutung für eine Globalgeschichte der Gewalt im 20. Jahrhundert

Im Jahr 1935 wurde der Schweizer Diplomat Carl Lutz nach Palästina entsandt, wo er auf dem Konsulat in Jaffa als Kanzleisekretär tätig war. Im ‚Heiligen Land’ hatte Lutz die Möglichkeit, seiner Leidenschaft für die Fotografie nachzugehen und zahlreiche spannende Bekanntschaften zu machen. Über eine dieser Bekanntschaften, die ihn nachhaltig beeindruckt hatte, berichtete er am 5. November 1937 in einem Brief an seine Mutter in der Schweiz: „[...] Gestern Abend hatten wir den Besuch von Herrn und Frau Künzler aus Beirut. Sie sind zur Zeit die grössten Helden der Selbstaufopferung im Nahen Orient. [...] Man kommt zum Staunen nicht heraus, wenn man diese Leute erzählen hört. [...] Er erlebte die ganze Zeit der Armeniermetzelei, stand mitten drin im Gemetzel, als die Leute wie Fliegen herumlagen, halb tot nach einer Schreckennacht [sic] des Schlachtens. Hunderten rettete er das Leben. [...] Eine der grössten Taten war ja die Rettung von 4000 armenischer [sic] Waisenkinder in der Türkei, die Herr und Frau Künzler unter den grössten Beschwerden und Strapazen aus der Türkei herausbrachten durch 600 Kilometer Wüste, die von wilden Banditen, den Kurden bewohnt ist.“2

 

Jakob Künzler wirkte zur Zeit des Ersten Weltkriegs als Missionar und Spitalleiter im anatolischen Urfa, wo er Augenzeuge des Völkermordes an den Armenierinnen und Armeniern wurde. Urfa war ein strategisch bedeutsamer Kreuzungspunkt größerer Handelsstraßen. Auf ihrem Weg in die syrische Wüste kamen deshalb zahlreiche Deportationszüge mit Armenierinnen und Armeniern durch diese im Südosten der heutigen Türkei gelegene Stadt. Künzler versorgte die deportierten Armenierinnen und Armeniern und setzte sich bei den osmanischen Behörden vergeblich für sie ein. In einem 1921 veröffentlichten Bericht beschrieb Künzler, in welch elendem Zustand sich die Deportierten bei ihrer Ankunft in Urfa befanden und schlussfolgerte, das Ziel der Jungtürken bestünde in der vollständigen und gezielten Vernichtung der Armenierinnen und Armeniern.3 Nach Kriegsende verließ Künzler Urfa und unterhielt im Libanon ein Waisenhaus für armenische Mädchen.

 

Wie aus dem Brief von Carl Lutz deutlich wird, hat er Jakob Künzlers Engagement zugunsten der verfolgten Armenierinnen und Armeniern zutiefst bewundert. Als er seiner Mutter diese Zeilen schrieb, konnte Lutz indes noch nicht ahnen, dass er sich rund sieben Jahre später in einer ähnlichen Situation wie seinerzeit Künzler befinden würde: Als die deutsche Wehrmacht im Frühjahr 1944 Ungarn besetzte und das ‚Einsatzkommando Eichmann’ die Deportation der ungarischen Jüdinnen und Juden nach Auschwitz organisierte, war Carl Lutz als Vizekonsul in der Schweizer Botschaft in Budapest stationiert. Lutz arbeitete mit dem schwedischen Diplomaten Raoul Wallenberg zusammen und stellte ohne Rücksprache mit seinen vorgesetzten Stellen in Bern Schweizer Schutzpässe aus, die rund 62.000 Jüdinnen und Juden vor dem sicheren Tod bewahrten. Die Tat von Carl Lutz gilt als eine der größten Rettungsaktionen für Jüdinnen und Juden während des Zweiten Weltkriegs. Es ist anzunehmen, dass er sich während dieser schwierigen Zeit an seine Begegnung mit Jakob Künzler in Palästina erinnert und dessen Eintreten für die Armenierinnen und Armeniern vor Augen hatte, als er sich dazu entschloss, das Vernichtungswerk der Nationalsozialisten zu sabotieren.

 

Der Einfluss, den Jakob Künzler auf Carl Lutz ausgeübt hat, ist selbstverständlich nicht die einzige Verbindungslinie zwischen dem Völkermord an den Armenierinnen und Armeniern und dem Holocaust. Bemerkenswert ist etwa auch das Beispiel von Max Erwin von Scheubner- Richter, das allerdings unter einem etwas anderen Vorzeichen steht. Wie Künzler wurde auch Scheubner-Richter zu einem Augenzeugen der Ermordung und Vertreibung der anatolischen Armenierinnen und Armeniern. Als deutscher Vizekonsul in Erzerum informierte Scheubner-Richter seine vorgesetzten Stellen in Konstantinopel und Berlin in unzähligen Telegrammen und Depeschen über die blutigen Ereignisse in den Ostprovinzen des Osmanischen Reichs. Er entlarvte die Behauptung der jungtürkischen Machthaber als Lüge, die Deportation der Armenierinnen und Armeniern müsse als militärische Notwendigkeit betrachtet werden. Scheubner-Richter versuchte seine Vorgesetzten im Auswärtigen Amt davon zu überzeugen, dass die Absicht der Jungtürken in der systematischen Vernichtung der Armenierinnen und Armeniern bestünde. So telegrafierte er am 2. Juni 1915 an die Botschaft in Konstantinopel: „Armenische Bewohner aller Ebenen, wahrscheinlich auch Erserum‘s, sollen bis Dezza [Deir-es-Zor] geschickt werden. Diese Aussiedelung großen Maßstabs kommt Massakern gleich, da mangels jeglicher Transportmittel kaum die Hälfte Bestimmungsorte lebend erreichen werden und dürfte Ruin nicht nur der Armenier sondern ganzen Landes zur Folge haben. Maßnahme militärisch nicht zu begründen, da Aufstand hiesiger Armenier nicht anzunehmen ist und Ausgewiesene alte Männer, Frauen und Kinder sind.“4

 

Das Schicksal der Armenierinnen und Armeniern ging dem deutschen Diplomaten sehr nahe. Aus diesem Grund organisierte er im Untergrund ein Unterstützungsnetzwerk für die Verfolgten in Erzerum.5 Aufgrund dieses Engagements wurde Scheubner-Richter auch schon als „eine Art Vorläufer von Oskar Schindler“ betrachtet.6 Der weitere Lebensweg von Scheubner-Richter weicht jedoch vom klassischen Heldennarrativ ab: Nach Ende des Ersten Weltkriegs schloss er sich einem baltischen Freikorps an, und später wurde er zu einem der engsten und einflussreichsten Berater Adolf Hitlers. Es war Scheubner- Richter, der für die junge nationalsozialistische Bewegung wichtige Kontakte zur Hochfinanz schloss und die Partei in diesen Kreisen salonfähig machte. Am 8. November 1923 kam Scheubner-Richter beim sogenannten Hitler-Putsch in München ums Leben und wurde darauf im Rahmen des NS-Märtyrerkults als ,Blutzeuge der Bewegung‘ verehrt. Es ist anzunehmen, dass sich Scheubner-Richter mit Hitler über die gewaltsame Lösung der ,armenischen Frage‘ durch die Jungtürken ausgetauscht hat. Es kann spekuliert werden, inwiefern der von den Jungtürken verübte Völkermord an den Armenierinnen und Armeniern Hitler dazu inspiriert hat, die sogenannte ,jüdische Frage‘ ebenfalls mittels genozidaler Gewalt zu lösen.

 

Obwohl zwischen diesen beiden Völkermorden ganz offensichtlich zahlreiche personelle und kausale Verbindungslinien bestehen, wird ihnen im globalen kollektiven Gedächtnis ganz unterschiedliches Gewicht beigemessen. Während der Holocaust (völlig zu recht) als Chiffre für das Böse schlechthin gilt, wird die Vertreibung und Ermordung der Armenierinnen und Armeniern während des Ersten Weltkriegs zuweilen noch immer als angeblich umstrittenes und nicht wirklich geklärtes Kapitel der Geschichte missverstanden oder schlichtweg geleugnet. Dabei nimmt dieser Genozid im Rahmen einer Globalgeschichte der kollektiven Gewalt im 20. Jahrhundert eine ganz entscheidende Stellung ein: Die Niederlage des Osmanischen Reichs im Ersten Weltkrieg und die Auflösung dieses Vielvölkerstaates haben den Nahen Osten radikal verändert. Kernstück der post-osmanischen Neuordnung war die Schaffung eines türkischen Nationalstaates. Das insbesondere von Mustafa Kemal Atatürk vorangetriebene türkische nation building hat weltweit viel Bewunderung und Anerkennung hervorgerufen: Aus dem „chronisch kranken Mann am Bosporus“ wurde ein dynamischer und stabiler Nationalstaat. Die Entstehung der „Neuen Türkei“ war indessen ein überaus gewaltvoller Prozess, der mit der Ermordung der armenischen Bevölkerung sowie der massenhaften Vertreibung von Griechen und der Unterdrückung zahlreicher anderer ethnischer Minderheiten wie der Kurden und Assyrer einherging.7 Diese Gewalt wurde von Bewunderern des türkischen nation buildings als eine Art Kollateralschaden aufgefasst, der zwar unschön, für die Stabilität des neuen türkischen Staates jedoch notwendig gewesen sei. Der Atatürk-Biograph Dagobert von Mikusch brachte diesen zynischen Standpunkt 1935 folgendermaßen auf den Punkt: „Sieht man von der menschlichen Seite ab, so war die Ausstoßung der Armenier aus ihrem Staatskörper für die neue Türkei eine kaum minder zwingende Notwendigkeit als die Ausrottung der Indianer für den neuen Staat der Weißen in Amerika.“8

 

Der sogenannte ,Griechisch-Türkische- Bevölkerungsaustausch‘ von 1923, bei dem es sich faktisch um international legitimierte ethnische Säuberungen handelte, galt im 20. Jahrhundert lange Zeit als erfolgreiche Methode zur Lösung oder Vorbeugung von Nationalitätenkonflikten. So berief man sich etwa bei der Neuordnung Europas an der Potsdamer Konferenz 1945 oder bei der Teilung des indischen Subkontinents 1947 auf dieses Modell. Der Zusammenbruch des Osmanischen Reichs und die daraufhin einsetzenden gewaltsamen Nationalstaatenbildungsprozesse in diesem postimperialen Raum zeigen auf, dass genozidale Gewalt und nation building zwei Seiten derselben Medaille sind. Und genau hier liegt die übergeordnete globalgeschichtliche Bedeutung der jungtürkischen Massengewalt gegen Armenierinnen und Armeniern sowie Griechinnen und Griechen und andere ethno-religiöse Minderheiten des Osmanischen Reichs. Wer die (Gewalt-)Geschichte des 20. Jahrhunderts verstehen will, kommt nicht umhin, sich mit den Ereignissen in Anatolien während des Ersten Weltkriegs und ihren Folgen auseinanderzusetzen. Nur schon deshalb ist diese Geschichte auch nach 100 Jahren noch immer aktuell und darf keinesfalls in Vergessenheit geraten.

 

Dominik J. Schaller

Historiker und forscht zu kolonialer Gewalt sowie zur Nationalstaatenbildung in postimperialen Räumen.

 

1 Dagobert von Mikusch, Gasi Mustafa Kemal Pascha, Leipzig 1935, 81.

2 ETH Zürich, Archiv für Zeitgeschichte, Nachlass Carl Lutz / 86: Lutz-Künzler, Ursula, Mutter, 1.

3 Vgl. Jakob Künzler, Im Lande des Blutes und der Tränen. Erlebnisse in Mesopotamien während des Weltkrieges (1914-1918), Potsdam 1921.

4 Die Korrespondenz zwischen Scheubner-Richter und der Botschaft in Konstantinopel ist in der Internet-Datenbank armenocide zugänglich: http://www.armenocide.net/armenocide/armgende.nsf/$$AllDocs/1915-06-02-DE-012 (04.02.2016).

5 Vgl. Hilmar Kaiser, A „Scene from the Inferno“. The Armenians of Erzerum and the Genocide, 1915-1916, in: Hans-Lukas Kieser/Dominik J. Schaller, Hg., Der Völkermord an den Armeniern und die Shoah, Zürich 2002, 129–186.

6 Micha Brumlik, Das Jahrhundert der Extreme, in: Fritz Bauer Institut, Hg., Völkermord und Kriegsverbrechen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Jahrbuch zur Geschichte und Wirkung des Holocaust, Frankfurt am Main 2004, 19–36, hier: 19.

7 Vgl. Dominik J. Schaller/Jürgen Zimmerer, Hg., Late Ottoman Genocides. Young Turkish Population and Extermination Policies, London 2009.

8 Dagobert von Mikusch, Gasi Mustafa Kemal Pascha, Leipzig 1935, 81.