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Ausgabe 4/15


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Rex und die deutsch-deutsche Geschichte. Ein Hoax als Kritik am Wissenschaftsbetrieb

Wissenschafts-Satire kann sowohl unterhaltsam als auch Augen öffnend sein. Eine Gruppe kritischer WissenschaftlerInnen reichte unter dem Pseudonym ‚Christiane Schulte’ für eine im Februar 2015 an der Technischen Universität Berlin veranstalteten wissenschaftlichen Tagung zu den Human-Animal Studies (HAS) einen Vortrag mit dem Titel Tiere unserer Heimat. Auswirkungen der SED Ideologie auf gesellschaftliche Mensch- Tier Verhältnisse in der DDR ein. Der Vortrag wurde angenommen und der Tagungssektion Grenztiere zugeordnet. Im Anschluss an ein Referat über Freie Liebe im Schatten der Mauer. Das staatssozialistische Mensch-Tier-Verhältnis aus der Grenzperspektive der Wildkaninchen stellte ‚Christiane Schulte’ ihre Überlegungen zum Thema Der deutschdeutsche Schäferhund – Ein Beitrag zur Gewaltgeschichte des Jahrhunderts der Extreme vor.

 

Das Referat präsentierte frei erfundene, aber für die ZuhörerInnen offenbar plausibel klingende Pseudo-Fakten mit weitreichenden bis überzogenen Interpretationen. Ein und derselbe Hundezüchter habe, so ‚Christiane Schulte’, Schäferhunde für das KZ Buchenwald und wenig später für das sowjetische Speziallager geliefert, die Abkömmlinge dieser Hunde wären auch bei den DDR-Grenztruppen eingesetzt worden; einer der frühesten Toten an der Berliner Mauer sei ein von Ostberliner Grenzbewachern erschossener Westberliner Polizeihund mit dem Namen Rex gewesen; der Leinenzwang für die Wachhunde der DDR-Grenztruppen habe den Dritten Weltkrieg verhindert. Die Schäferhunde hätten an der Spaltung Deutschlands gelitten, aber an der Durchführung mitwirken müssen und wären deshalb ein Teil der deutschen Nationalgeschichte.

 

Ungewohnte Verhaltensweisen seien jenen Schäferhunden des Bundesgrenzschutzes zugemutet worden, die außerhalb Deutschlands zur Bewachung des Schengen-Raumes eingesetzt wurden. „Im Rahmen des Schutzes der EU-Außengrenze sahen sie sich damit konfrontiert, dass sie nun aggressiv gegen Flüchtlinge und ‚Schleuser’ vorgehen mussten, anstatt diese wie zuvor an der innerdeutschen Grenze im Schutz der Leine mit freundlichem Gebell willkommen zu heißen“.1

 

Den offensichtlich absurden Höhepunkt des Referats bildete die Aufforderung, das Freiheitsdenkmal für die Opfer der deutschen Teilung „durch eine symbolische stählerne Hundeleine zur Erinnerung an die angeblich 34 Schäferhunde unter den Mauertoten”2 zu ergänzen. Bei dieser ‚erinnerungspolitischen Pointe’ hatte die Referentin Einsprüche erwartet, doch sie erntete Zustimmung. Die Satire wurde nicht als solche erkannt, sondern für bare Münze genommen und sogar als kreatives Aufgreifen von Ansätzen der HAS im Tagungsbericht auf H-Soz-Kult gewürdigt.3

 

Im Tagungsbericht werden die neuen Einsichten des Referats betont. Frau Schulte habe „weitreichende Kontinuitäten, sowohl was die Funktion der Hunde als Instrumente totalitärer Staatsgewalt als auch die züchterische Generationsfolge betrifft“,4 aufgedeckt. Von der Schlüssigkeit der Argumentation, welche den Eigensinn der Schäferhunde an der deutsch-deutschen Grenze nachzeichnete, zeigte sich die Rezension überzeugt: „Schulte konnte anhand vieler Beispiele ihre These belegen, dass trotz des eingeschränkten Handlungsspielraums der ‚Kettenhunde’, jene durchaus ‚eigen- sinniges Verhalten’ an den Tag legten, das dem Grenzregime zuwiderlief.“5 Schließlich hob der Tagungsbericht die Bedeutung der erinnerungspolitischen Dimension hervor. „Die zahlreichen Grenzhunde haben hingegen (noch) keinen Eingang in eine umfassende Erinnerungskultur der innerdeutschen Grenze gefunden.“6 Nach den Referaten dieser Sektion wurde laut der Rezension „über Schäferhunde als ‚Mittäter’“ debattiert, „da sich diese Frage in vielen Kontexten, wo Tiere Teil der menschlichen Staatsgewalt sind, stellt.“7

 

Mit dieser Referenz ausgestattet, konnte die Gruppe einen Schritt weitergehen und den Vortrag der Zeitschrift für Internationale Diktatur- und Freiheitsforschung Totalitarismus und Demokratie des Dresdner Hannah-Arendt-Instituts für Totalitarismusforschung e.V. zur Drucklegung anbieten. Mit minimalen Veränderungen, so die kritischen WissenschaftlerInnen, erschien der Artikel Ende 2015 unter dem erfundenen Namen Christiane Schulte, Der deutschdeutsche Schäferhund – Ein Beitrag zur Gewaltgeschichte des Jahrhunderts der Extreme.8

 

Mit der Veröffentlichung hatten die WissenschaftlerInnen ihr Ziel erreicht. Sie hatten den Nachweis erbracht, dass in bestimmten Bereichen des deutschen Wissenschaftsbetriebs das Befolgen ungeschriebener Spielregeln und der Einsatz des jeweils angepassten Jargons wichtiger sind als kritische Reflexion. Wie Schulte und Freund_innen in ihrem Plädoyer gegen den akademischen Konformismus beschreiben, wurde die Satire trotz der deutlichen Hinweise nicht als solche erkannt, weil „der Text mit den ‚Human Animal Studies’ (HAS) das Vokabular der neuesten akademischen Mode aufgriff und gleichzeitig altbekannte Rhetorik zum ‚DDR-Unrechtsstaat’ reproduzierte.“9

 

Die Redaktion von Totalitarismus und Demokratie hat verständlicherweise eine andere Sicht der Dinge. Der Artikel ist inzwischen vom Netz genommen und nur mehr in der gedruckten Ausgabe der Zeitschrift nachlesbar. In ihrer Stellungnahme bezeichnet die Redaktion den Hoax als arglistige Täuschung. Man habe dem Tagungsbericht in H-Soz-Kult, dem erfundenen Lebenslauf der Autorin, der scheinbar wissenschaftlichen Argumentation und den zahlreichen Anmerkungen mit fiktiven Archivbelegen vertraut. Dass die Karikatur dem von der Zeitschrift vertretenen Verständnis von Totalitarismusforschung den Spiegel vor das Gesicht hält – „Drei Generationen von totalitärer Gewalt, sowjetische DDR-Nazihunde, das klang einfach zu gut“10 – diesem schmerzhaften Gedanken will die Redaktion von Totalitarismus und Demokratie nicht nähertreten.

 

Inhaltlich haben die JungwissenschaftlerInnen die Dürftigkeit manch liebgewordener Denkschablonen und Argumentationsmuster der deutsch-deutschen Vergangenheitspolitik und damit der von Péter Esterházy ironisch als ‚Weltmeister der Vergangenheitsbewältigung’ bezeichneten Stilisierungen vorgeführt. Darüber hinaus gelingt es Schulte und Freund_innen, durch die Kombination von trend surfing und Konformismus nicht nur „zwei klassische Strategien akademischer Ein- und Unterordnung“11 zu parodieren, sondern das Funktionieren dieser Mechanismen im Wissenschaftsbetrieb des Jahres 2015 zu demonstrieren.

 

Hans Safrian

Historiker, lehrt am Institut für Zeitgeschichte an der Universität Wien.

 

1 Christiane Schulte & Freund_innen, Kommissar Rex an der Mauer erschossen? Ein Plädoyer gegen den akademischen Konformismus, www.heise.de/tp/artikel/47/47395/1.html (15.02.2016).

2 Ebd.

3 Vgl. Anett Laue, „Tiere unserer Heimat“: Auswirkungen der SED-Ideologie auf gesellschaftliche Mensch-Tier-Verhältnisse in der DDR, www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-5903 (15.02.2016).

4 Ebd.

5 Ebd.

6 Ebd.

7 Ebd.

8 Vgl. Christiane Schulte, Der deutsch-deutsche Schäferhund – Ein Beitrag zur Gewaltgeschichte des Jahrhunderts der Extreme, in: Zeitschrift für Internationale Diktatur- und Freiheitsforschung Totalitarismus und Demokratie, Jugend und Jugendpolitik in Deutschlands Diktaturen, 12/2 (2015), 319–334.

9 Christiane Schulte & Freund_innen, Kommissar Rex an der Mauer erschossen? Ein Plädoyer gegen den akademischen Konformismus, www.heise.de/tp/artikel/47/47395/1.html (15.02.2016).

10 Ebd.

11 Ebd.