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Ausgabe 4/15


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vor.gelesen | rezensionen

April in Stein

Robert Streibel, Residenz Verlag, St. Pölten/Salzburg/Wien 2015

 

70 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkrieges bot das Gedenkjahr 2015 eine Fülle von Veranstaltungen, Publikationen und Ausstellungen, die das letzte Kriegsjahr und die Erinnerung daran in den Fokus rückten. Im Mittelpunkt standen unter anderem die Verbrechen des nationalsozialistischen Regimes kurz vor Kriegsende. Eines jener Endphasenverbrechen des Kriegs fand am 6. April 1945 im Gefängnis Krems-Stein statt. Auf Grund des Vorrückens der Roten Armee beschloss der damalige Direktor die Tore der größten Haftanstalt der ‚Ostmark‘ zu öffnen und die Häftlinge zu entlassen. Doch das regimetreuen Wachpersonal, NS-Funktionäre, SS- und SA-Mitglieder sowie Wehrmachtsangehörige verübten, unter Mithilfe der lokalen Bevölkerung, ein Massaker an den Häftlingen in Stein und begannen die entlassenen Häftlinge wieder aufzugreifen. Der Historiker Robert Streibel nähert sich in seinem Buch April in Stein diesem Endphasenverbrechen auf einer, für HistorikerInnen eher untypischen Weise. Er wählt nicht die Form einer wissenschaftlichen Publikation, sondern verfasste einen Roman. Das Buch rekonstruiert mit Hilfe eines literarischen Zugangs die Ereignisse vor, während und nach dem Massaker in der Haftanstalt Krems-Stein sowie in der unmittelbaren Umgebung von Krems. Inhalt und Aufbau des Buchs orientieren sich an den Geschichten und Schicksale der Häftlinge, aber auch des Wachpersonals, des Gefängnisdirektors und einzelner Personen der lokalen Bevölkerung. Neben dem deutlichen Fokus auf die Gruppe der Häftlinge werden auch die Perspektiven der Täter und die Reaktionen der lokalen Bevölkerung in die Geschichte einbezogen. Dadurch entsteht ein stimmiges Gesamtbild rund um die Ereignisse in Krems und Umgebung in den letzten Wochen vor Kriegsende. Als Quelle stützt sich der Autor dabei auf Interviews mit ehemaligen Häftlingen, Briefe, Erinnerungsberichte, Nachlässe, Zeitungsartikel und Aktenmaterial aus Archiven. Damit erhält der Roman, trotz Abänderung der Namen der involvierten und betroffenen Personen, eine große Authentizität. Dennoch, dies betont auch der Autor in seinem Vorwort auf die Frage wie viel Fantasie in diesem Roman steckt „der durch Fakten belegte Teil [ist] sicherlich sehr hoch – so hoch, wie es mir möglich war“ (S. 9). Insbesondere die Häftlingsgeschichten aus dem Gefängnis und von der Flucht, dies führt Streibel des Weiteren aus, sind alle belegt. Es bleibt jedoch, trotz der Vielzahl an verwendeten Quellen, ein Roman und soll auch unter diesen Voraussetzungen gelesen werden.

 

Eine wesentliche Stärke des Buches liegt in der Vermittlung eines ganzheitlichen Bildes der letzten Kriegsphase in der Region Krems an Hand eines zentralen Ereignisses. Trotz oder gerade mit der literarischen Form legt das Buch der interessierten LeserInnenschaft die Ereignisse rund um das Massaker in der Haftanstalt Krems-Stein und in der Umgebung in einer unaufgeregten und genau rekonstruierten, aber nicht komplizierten, Art dar. Wissenschaftliche Vorkenntnisse sind hierbei nicht von Nöten. Es ist somit allen Leserinnen und Lesern zu empfehlen, die insbesondere über einen literarischen Zugang einen Eindruck der letzten Kriegswochen in Österreich gewinnen möchten.

 

Sarah Knoll

 

 

Rechtsextremismus. Entwicklungen und Analysen – Band 1

Forschungsgruppe Ideologien und Politiken der Ungleichheit (FIPU), Mandelbaum, Wien 2014

 

Die Forschungsgruppe Ideologien und Politiken der Ungleichheit (FIPU) ist ein Zusammenschluss mehrerer WissenschafterInnen, die ihr gemeinsames Forschungsinteresse im akademischen Betrieb wenig verankert sehen. Unter der Beschäftigung mit Ungleichheitsideologien versteht sie nicht nur, die leicht fassbaren Ausprägungen von unter anderem Rassismus, Antisemitismus und Sexismus innerhalb der äußeren Rechten in den Blick zu nehmen, sondern auch Manifestationen dieser Ideologeme gesamtgesellschaftlich zu kritisieren. Das tut die Gruppe seit 2011 auf ihrem Blog forschungsgruppefipu.wordpress.com, über den sie sich auch in tagespolitische Debatten einmischen. Ihre AkteurInnen teilen nicht die Auffassung von einer wertfreien Wissenschaft, sondern wollen radikal-reflexiv einen Beitrag zu emanzipatorischer Theorie und Praxis beisteuern.

 

Unter dieser Prämisse stellt die Beschäftigung mit Rechtsextremismus den Auftakt der als mehrbändig konzipierten Reihe dar. Als „Antiegalitarismus sans phrase“ (S. 11) eignet sich dieser gut als Parameter späterer Betrachtungen. Zielgruppe des vorliegenden Bandes sind nicht nur WissenschaftlerInnen, sondern auch Personen, die ein theoretisches Rüstzeug für ihre politische Arbeit suchen.

 

Der erste Abschnitt beschäftigt sich mit Kritischer Rechtsextremismusforschung. In zwei Artikeln gibt Bernhard Weidinger zuerst einen kenntnisreichen Überblick über die österreichischen Forschungs-und Publikationstätigkeiten, denen er mangelnde Institutionalisierung attestiert. Ausgehend von der Rechtsextremismus-Definition Willibald Holzers, der diesen als ‚Syndromphänomen‘ versteht, skizziert er anschließend die Missstände der bundesdeutschen Extremismusdebatte. Zudem verdeutlicht die Analyse wie anfällig auch große Teile der österreichischen Medien-und Politiklandschaft dafür sind, die aus dem Extremismus- Begriff resultierende Gleichsetzung von Links und Rechts zu übernehmen, um die ‚Mitte‘ politisch zu entlasten. Eine willkommene Erweiterung um die Kategorie Geschlecht nimmt Judith Goetz vor. Sie betont, dass, obwohl Geschlechterkonstruktionen vom männlich dominierten Forschungsbetrieb oft nur miterwähnt werden, diese ein Schlüssel zur Erkenntnis sein können, wie Ungleichheitsdenken und Naturalisierungsstrukturen einerseits konstituierende Merkmale des Rechtsextremismus sind, andererseits mit der gesellschaftlichen Mehrheit transzendieren.

 

Im Abschnitt Akteur_Innen analysiert Heribert Schiedel, die verschiedenen historischen Phasen der FPÖ. Er stellt hier einen Rechtsruck nach 2005 fest, seit dem die völkischen Elemente der Partei dominieren.

 

Gegen den Islamophobie-Begriff wendet sich Carina Klammer im Abschnitt Ideologien. Die Autorin betont hier, dass der Begriff ein Sprechen über Rassismus verhindere und die Kulturalisierung sozialer Ungleichheiten fördere.

 

Im Abschnitt Reflexion antifaschistischer Praxis beschreibt Judith Goetz den Kampf verschiedener antifaschistischer Bündnisse gegen den WKR-Ball und welch unterschiedliche Kritik sie dabei formulieren. Im Abschnitt Dokumentation hält Schiedel den österreichischen Status Quo im Beitrag Unvollständige Chronik des Rechtsextremismus in Österreich 2013 fest. Durch die Bündelung an Vorfällen, die meist als Zeitungskurzmeldungen nur Einzelfallcharakter hatten, schafft er eine rekontextualisierte Öffentlichkeit.

 

Die Stärke des Bandes ist es, verschiedene Manifestationen von Rechtsextremismus mit theoretischer Klarheit zu erfassen und sehr pointierte Kritik an jenen Diskursen zu üben, die das verhindern. Band zwei der Reihe mit dem Titel Rechtsextremismus – Band 2: Prävention und politische Bildung erscheint in Kürze.

 

Lukas Dünser