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Ausgabe 1/16


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Wien als Transitstadt sowjetisch-jüdischer Migration

Zwischen Ende der 1960er-Jahre und 1989 wanderten ca. 300.000 Juden und Jüdinnen aus der Sowjetunion aus. Sie verließen die UdSSR mit israelischen Einreisevisa, doch mehr als die Hälfte von ihnen sollte sich nicht in Israel niederlassen. Wien als Transitstadt dieser Migrationsbewegung spielte dabei eine wichtige Rolle.

 

Hintergründe der sowjetischjüdischen Auswanderung

 

Ende der 1960er-Jahre entstand im europäischen Teil der Sowjetunion neben der allgemeinen eine eigene jüdische Dissident*innenbewegung, die sich für die Möglichkeit bzw. die Genehmigung zur Ausreise nach Israel einsetzte. Die Faktoren, die zur Entstehung dieser Bewegung führte, waren sowohl langfristig, wie zum Beispiel die sowjetische Nationalitätenpolitik, die eine vollständige Eingliederung jüdischer Sowjetbürger*innen unmöglich machte, als auch kurzfristig, wie zum Beispiel der arabisch-israelische Sechstagekrieg 1967, der zu einer Intensivierung anti-israelischer Aussagen in der UdSSR führte.1 Etwa zeitgleich formierte sich weltweit eine solidarische Bewegung zur Unterstützung der jüdischen Dissident*innen in der UdSSR, die primär von jüdischen Organisationen in den USA und zu einem kleineren Ausmaß auch in Europa getragen wurde. Der junge Staat Israel spielte bei der Entstehung beider Bewegung eine nicht unbedeutende, wenn auch größtenteils verborgene Rolle. Über ein bereits Anfang der 1950er-Jahre eingerichtetes Geheimbüro versuchte er einerseits, jüdisches Bewusstsein zionistischer Prägung unter den Juden und Jüdinnen der Sowjetunion zu erwecken. Andererseits wurden Aktivist*innen im Ausland mobilisiert, um Druck auf ihre jeweiligen Regierungen auszuüben, die wiederum die Führung der UdSSR unter Druck setzen sollte. 1971 gab diese schließlich nach und erteilte ca. 14.000 Ausreisegenehmigungen.2 Im Jahr davor waren es 935 gewesen. Die Hoffnung der sowjetischen Führung, sich so der Anführer*innen der Bewegung zu entledigen und diese damit zum Stillstand zu bringen, erfüllte sich nicht. Die Zahl der Ausreiseanträge stieg weiterhin.

 

Die frühen 1970er-Jahre: Österreich als „Vorzimmer Israels“3

 

Die Ausreise wurde sowjetischen Juden und Jüdinnen offiziell nur erlaubt, wenn diese sie gemäß der sowjetischen Nationalitätenpolitik in ihr ,nationales Heimatland‘ Israel führte. Da dieses und die UdSSR seit dem Sechstagekrieg 1967 jedoch weder diplomatische noch direkte Verkehrsverbindungen unterhielten, musste ein Transitland zum Umsteigen gefunden werden. Österreich war nicht nur wegen seiner geografischen Lage, sondern auch aufgrund seiner politischen Neutralität bestens geeignet. Zudem befanden sich in Wien bereits seit 1945 Büros sämtlicher jüdischer Migrations- und Hilfsorganisationen, die zuerst jüdische DPs (Displaced Persons) und später Geflüchtete aus dem kommunistischen Osten bei der Weiterwanderung nach Israel und in andere Länder unterstützt hatten.

Der Großteil der sowjetisch-jüdischen Migrant*innen kam mit dem Zug aus Moskau am Wiener Südbahnhof, dem heutigen Hauptbahnhof, an. Dort wurden sie von Vertreter*innen der Jewish Agency for Israel (JAFI), der quasi-staatlichen israelischen Einwanderungsorganisation, empfangen und in Bussen gesammelt in deren Transitlager nach Schloss Schönau in Niederösterreich gebracht. In einem ORF-Beitrag aus dem Jahr 1972 wurde dieses treffend als „Vorzimmer Israels“ bezeichnet. Nach einigen Tagen, manchmal auch nur wenigen Stunden, wurden die Migrant*innen von dort wieder gesammelt in Bussen nach Schwechat gebracht und in Flugzeuge nach Israel gesetzt.

 

Schloss Schönau wurde Anfang der 1970er-Jahre zum Symbol der ,Befreiung‘ sowjetischer Juden und Jüdinnen und gleichzeitig der zionistischen Bestrebungen des Staates Israel, nämlich seine jüdische Bevölkerung zu vergrößern und damit seine Vormachtstellung in der Region zu festigen. Palästinensische Gruppierungen wurden auf die Rolle Österreichs als Transitland aufmerksam. Trotz verstärkter Sicherheitsvorkehrungen gelang es zwei Palästinensern Ende September 1973 am Grenzbahnhof in Marchegg drei einreisende sowjetische Juden und Jüdinnen sowie einen österreichischen Grenzbeamten als Geiseln zu nehmen. Die Geiselnehmer forderten die Schließung des Transitlagers Schönau. Nach einer zähen Verhandlungsnacht und trotz scharfer internationaler Kritik, vor allem vonseiten Israels, stimmte Bundeskanzler Bruno Kreisky zu. Sowjetischjüdische Transitmigrant*innen wurden zunächst vorläufig in der Babenberger-Kaserne in Wöllersdorf untergebracht bis die Jewish Agency im Sommer 1974 mit dem Österreichischen Roten Kreuz ein Betreuungsabkommen für dessen Hilfsstelle in Wien-Simmering abschloss. De facto hatte Kreisky an seiner Transitpolitik nichts geändert. Bis 1989 durften sowjetische Juden und Jüdinnen weiterhin ungehindert Österreich passieren.

 

Dropping out: über Wien und Rom in die USA

 

Österreich begründete sein Einverständnis als Transitland zu fungieren mit „humanitären Erwägungen“4. Dass das österreichische Verständnis der eigenen Rolle in der sowjetisch-jüdischen Migration damit nicht rein pragmatisch war, zeigte sich in der zweiten Hälfte der 1970erJahre als die Zahl derjenigen stieg, die in Wien von der vorgesehenen Route nach Israel ,absprangen‘, um in die USA oder ein anderes Drittland weiterzureisen. 1976 war die Zahl dieser sogenannten Drop-Outs bereits auf knapp 50 Prozent der Ausreisenden gestiegen; ihren Höhepunkt sollte sie 1988 mit 90 Prozent erreichen. Die Abspringenden wurden nach Ankunft in Wien von der JAFI zumeist in die Betreuung der Hebrew Immigrant Aid Society (HIAS) und des American Jewish Joint Distribution Committee (JOINT) übergeben. Berichten zufolge verlief diese Übergabe nicht selten nur sehr widerwillig, manche der frühen Migrant*innen behaupteten gar, JAFI-Mitarbeiter*innen hätten ihnen trotz ihres ausdrücklichen Wunsches die Ausgabe ihrer Reisedokumente verweigert und so ein Abspringen verhindert. Innerhalb der jüdischen Gemeinden wurde in jenen Jahren mitunter hitzig diskutiert, wie mit den Drop-Outs umzugehen sei.5 Hauptstreitpunkt war, ob die sowjetische Juden und Jüdinnen dazu gezwungen werden sollten oder dürften, nach Israel weiterzureisen, zum Beispiel indem HIAS und JOINT ihnen die Unterstützung verweigerten. Mehr oder weniger entsprechende Kooperationsabkommen zwischen JAFI und JOINT/HIAS zeichneten sich mehrmals ab (1976/77, 1980 sowie 1981/82), doch scheiterten letztlich stets, unter anderem, an den Verfechter*innen des Prinzips des Freedom of Choice, also des (Menschen-)Rechts der Migrant*innen auf eine freie Wahl ihres Ziellandes. Letztere Haltung war auch die offizielle Haltung Österreichs. Bundeskanzler Kreisky äußerte 1976 unmissverständlich: „Wer nach Österreich kommt, um weiterzugehen, wird nicht nur hier hineingelassen, sondern wir wachen auch darüber, dass sein Recht, auch das Land zu wählen, wohin er weiterreisen will, gewahrt bleibt. Es gibt manche, die meinen, wenn etwa Sowjetbürger jüdischen Glaubens nach Österreich kommen, dann müssen sie nach Israel weiterziehen. Das ist ganz falsch. [Ö]sterreich wird nur dann seine Hilfsstellung weiter einnehmen, wenn dieses freie Recht der Weiterwanderung vom Anfang an gewährleistet wird.“6 Dafür arbeiteten die österreichischen Behörden aktiv nicht nur mit HIAS und JOINT, sondern auch anderen Auswanderungsorganisationen vor Ort zusammen und sorgten dafür, dass diesen der Zugang zu sowjetisch-jüdischen Migrant*innen nicht verwehrt wurde. Dies betraf vor allem die orthodoxe, ebenfalls amerikanisch-jüdische Organisation RAV TOV, die aufgrund ihrer explizit anti-zionistischen Haltung vor allem der JAFI ein Dorn im Auge war, sowie diverse christliche Organisationen.

 

Durch das Ansteigen der Drop-outs verzögerte sich der Transitfluss durch Österreich, da diese in der Regel einige Wochen auf Einwanderungsgenehmigungen warten mussten. HIAS und JOINT leiteten die Migrant*innen daher nach einigen Tagen in Wien nach Rom weiter. Dort waren nicht nur die Unterbringung und Lebenserhaltungskosten geringer, sondern in Rom befand sich damals auch Westeuropas größte amerikanische Botschaft – und die überwiegende Mehrheit der Drop-outs wollte in die USA. Dazu hat sicherlich nicht unerheblich die Tatsache beigetragen, dass sowjetisch-jüdische Immigrant*innen bis September 1988 zu 99 Prozent als politische Flüchtlinge in den USA anerkannt wurden.7 Dies wiederum hatte im Übrigen vordergründig mit der Logik des Kalten Krieges zu tun, nach der die in Massen in die USA emigrierenden Sowjetbürger*innen als sozusagen ,mit ihren Füßen den Kapitalismus wählend‘ angesehen wurden.8

 

Remigration: versuchte Rückkehr in die UdSSR

 

Eine kleine Gruppe sowjetisch-jüdischer Migrant*innen versuchte ab Ende 1971 den umgekehrten Weg zu gehen und wieder in die Sowjetunion zurückzukehren. Sie äußerten diesen Wunsch nicht nur mit ihren Füßen, indem sie nämlich nach Wien als Transitort zurückkehrten, sondern auch mit ihren Taten und Worten. Enttäuscht von den Lebensbedingungen in Israel protestierten sie vor ihren Unterkünften und vor der sowjetischen Botschaft in Wien, schrieben zahlreiche offene und private Protest- und Bittbriefe an die österreichische, die sowjetische und in Gestalt der UN die internationale politische Führung, und hielten Pressekonferenzen ab, in denen sie sich selbst als Opfer der zionistischen Propaganda bezeichneten und das Leben in der Sowjetunion lobten. Ein Zustrom von Remigrant*innen nach Wien ist vor allem für 1974 zu verzeichnen, was sicherlich in Zusammenhang mit dem Ausbruch des Jom-Kippur-Krieges in Israel im Herbst 1973 steht. Ihren Höhepunkt erreicht die (offizielle) Zahl der Remigrant*innen im März 1975 mit 519 Personen. In der zweiten Hälfte der 1970er-Jahre, als sich abzeichnete, dass die sowjetischen Behörden einer Rückkehr nicht zustimmen würden und sich der Remigrant*innen nur kurzeitig als Propagandawerkzeug bedient hatte, gingen viele wieder zurück nach Israel oder wanderten in die USA aus. Einige jedoch blieben in Wien, wo sie sich mittlerweile ein Leben aufgebaut hatten – trotz der unzähligen Erschwernisse, die ihre Situation mit sich brachte, da sie im Gegensatz den Israel-Migrant*innen und den Drop-outs vollkommen auf sich allein gestellt waren in Bezug auf Aufenthaltsgenehmigungen, Unterkunft, sozialer und medizinischer Versorgung und nicht zuletzt auch politische Lobbyarbeit. Das heruntergekommene Haus in der Malzgasse 1 in 1020 Wien, indem mehrere Familien von Remigrant*innen unter schlechtesten Bedingungen hausten, wurde Mitte der 1970er-Jahre zum traurigen Symbol für diese Gruppe.

 

Fazit

 

Hätte Wien nicht als Transitstadt sowjetisch-jüdischer Migration fungiert, wäre die bucharisch-jüdische Gemeinde in Wien, ihrerseits heute die größte in Europa und die drittgrößte weltweit, wohl nie entstanden. Die aus Zentralasien stammenden bucharischen Juden und Jüdinnen waren ein Teil bzw. eine eigene sozio-kulturelle Gruppe der sowjetisch-jüdischen Migrationsbewegung. Die Wurzeln ihrer florierenden Wiener Gemeinde liegen in der Remigrationsbewegung der frühen 1970er- Jahre. Dies ist nur ein Beispiel für die bis in die Gegenwart reichenden Auswirkungen sowjetisch-jüdischer Transitmigration durch Österreich. Für die aktuelle Flüchtlingsdiskussion in Österreich und Europa ist dieses historische Migrationsphänomen relevant, da es die Wichtigkeit eines gesicherten legalen und logistischen Rahmens sowie Aufenthaltsstatus und den Stellenwert von Vernetzung bzw. politischer Lobbyarbeit aufzeigt. Nicht zuletzt stellten bereits die sowjetisch-jüdische Migrant*innen der 1970er und 1980er-Jahre eine strikte Trennung zwischen ökonomischen und politischen Flucht- und Migrationsgründen infrage.

 

Ruth Orli Moshkovitz

studierte in Berlin, Wien und Budapest Geschichte mit dem Schwerpunkt Frauen- und Geschlechtergeschichte und war unter anderem im Jüdischen Museum Berlin als Bildungsreferentin im Rahmen von Museumsführungen tätig. In vergangenen Publikationen beschäftigte sie sich mit der anti-muslimischen Rhetorik der Freiheitlichen Partei Österreichs (2010) sowie mit der Hufeisensiedlung in Berlin-Britz (2013). Ihre Masterarbeit verfasste sie zur (Re-)Migration bucharischer Juden und Jüdinnen aus der Sowjetunion nach Wien in den 1970er-Jahren.

 

1 Zu den Anfängen und Umständen der sowjetischjüdischen Emigrationsbewegung; siehe Zvi Gitelman, Soviet Jews. Creating a Cause and a Movement, in: Murray Friedman, Albert D. Chernin Hg., A second exodus. The American Movement to free Soviet Jews, Hanover/u.a. 1999, 15–69.

2 Alle hier genannten Zahlen beruhen auf Petrus Buwalda, They did not dwell alone. Jewish Immigration from the Soviet Union, 1967-1990, Baltimore/London Press 1997, 223 f.

3 ORF-Sendung Querschnitte, Beitrag Exodus, (erst-)ausgestrahlt am 25.02.1972.

4 Stiftung Bruno Kreisky Archiv (StBKA), VII./1 Länderboxen UdSSR, Box 7, Mappe „Jüdische Emigranten UdSSR“.

5 Siehe dazu ausführlich Fred A.Lazin, The Struggle for Soviet Jewry in American Politics. Israel versus the American Jewish Establishment, Lanham/Oxford 2005.

6 Bruno Kreisky, Österreich als Asylland, in: Das jüdische Echo. Zeitschrift für Kultur und Politik 25/1 (1976), 3.

7 Siehe dazu Victor Rosenberg, Refugee Status for Soviet Jewish Immigrants to the United States, in: Touro Law Review 19/2 (2003), 419–450.

8 Zur Transitmigration sowjetischer Juden und Jüdinnen in Wien und vor allem Rom siehe ausführlich Inga P. Veksler, „We left Forever and Into the Unknown“. Soviet Jewish Immigrants‘ Experiences of Transit Migration, Dissertation New Brunswick 2014.