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Ausgabe 1/16


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Rede anlässlich der Gedenkfeier des Novemberpogroms am Aspangbahnhof in Wien.

Wir erinnern mit Recht. Wir erinnern, um uns der Vergangenheit bewusst zu werden.

Doch wenn wir Niemals vergessen sagen, was bedeutet das überhaupt? Schon beginnen die Ersten, die Wunden der Vergangenheit zu vergessen, schon stehen die nächsten Schläger draußen vor der Tür.

 

In Deutschland brennen schon wieder Häuser. Ich frage mich, wann es in Österreich auch brennen wird. Die Taten von morgen sind heute in Planung und die Brandstifterinnen und Brandstifter gibt es. Ein Brandstifter ist etwa der neue Vizebürgermeister, der behauptet, Asyl sei kein Menschenrecht. Ich frage Sie, Herr Vizebürgermeister, welches Menschenrecht nehme Sie als nächstes ins Visier? Oder eine Nationalratsabgeordnete, die ein antisemitisches Posting gut heißt. Oder ein Bundesparteivorsitzender, der einen antisemitischen Cartoon im Internet teilt, eine Tat, die selbst in dieser Runde die meisten wohl fast vergessen haben.

 

Die Brandstifterinnen und Brandstifter alleine wären kaum so schlimm, wenn es nicht jene gäbe, die ihnen Glauben schenken. Dazu gehören aber nicht nur jene Menschen, welche die FPÖ wählen. Dazu gehören vor allem Menschen wie die Innenministerin Mikl-Leitner, die den leeren Parolen Orbáns und Straches nacheifert. Dazu gehören auch die Herren Landeshauptmänner Pühringer und Niessl. In Linz und Eisenstadt ist der Ruf der Macht wohl stärker als jeglicher antifaschistischer und demokratischer Grundsatz. Obwohl sich hier die Frage stellt, wie viel an Prinzipien dort jemals vorhanden waren. Überall verschwimmt die Grenze zum Rechtsextremismus immer mehr, aber es braucht keine FPÖ in der Regierung, um rechtsextremen Forderungen nachzugeben.

 

Es regiert die Unvernunft und Angst. Spekulationen und Gerüchte beherrschen die Gesellschaft. Um uns tobt ein Sturm des Hasses. Ich jedoch will, dass diese Gesellschaft wieder eine offene wird, dass diese Gesellschaft wieder zu jener wird, die meinen Vater aufgenommen hat, als er hierher kam und nicht wusste, wohin er gehen soll. Ich will, dass die Menschen, die hier leben, die Demokratie mitgestalten können, egal, welchen Pass sie haben. Ich will, dass zu den Hürden und Prüfungen dieser unserer Zeit vernunftbegabte Menschen an sinnvollen und menschlichen Lösungen arbeiten. Ich will, dass Inhalte und Vernunft anstelle von Panik und Hass die Politik und die Medien bestimmen.

 

Wir stehen heute hier an einer Kreuzung. Die Frage ist – was tun? Wollen wir wieder Mauern bauen? Wollen Sie, liebe Politikerinnen und Politiker, um die eigene Macht zu erhalten, den Pakt mit den Brandstiftern unterschreiben? Wollen Sie, liebes Publikum, den Brandstiftern - wenn auch  nur in Gedanken – Zugeständnisse machen? Ich will nicht dramatisieren – Orbán ist nicht Hitler, und Strache ist nicht Orbán. Aber Nationalismus und Rassismus greifen um sich und zerstören – und werden weiter zerstören, solange sie den Raum dazu bekommen. Wir stehen heute hier an einer Kreuzung und gehen, so oder so, in eine ungewisse Zukunft. Aber ich bitte Sie, gehen Sie mit Mut. Gehen Sie nicht den einfachsten Weg. Danke schön.

 

Alexander Cortés

Leistete Gedenkdienst 2009/2010 an der Internationalen Jugendbegegnungsstätte Theresienstadt, studiert Geschichte und Deutsch auf Lehramt an der Universität Wien und ist Vorstandsmitglied des Vereins GEDENKDIENST.

Tel Aviv, am 20. April 2016