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Ausgabe 1/16


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Post aus...Tel Aviv

Tel Aviv, 20. April 2016

 

Heute gab es Chamsin, ein Wind aus der Wüste, der bringt Hitze mit sich, 30 Grad im April, und Sand oder Staub. Wie man es nimmt. Wenn bestimmte Luftdruckverhältnisse eintreffen, entsteht ein Sog von der Sahara Richtung Nordost, also dorthin wo auch Tel Aviv ist und wo ich bin. Um genau zu sein: an der südöstlichen Grenze der Stadt, in einem Viertel namens Yad Eliyahu, mit dreistöckigen Wohnblöcken, die pragmatisch gesehen wie farblos nebeneinandergereihte Blöcke wirken, aber dafür mit viel Grün zwischen den Höfen. Sie beherbergen in vielen Fällen orthodoxe Familien. Es gibt ein Gymnasium für orthodoxe Jungen gleich bei mir um die Ecke, eine Schule für orthodoxe Mädchen dürfte auch nicht weit sein. Ich sehe sie oft im gleichen Bus, mit dem auch ich fahre. Vor acht Monaten, bevor ich herkam, um hier Gedenkdienst zu leisten, hätte ich die typischen Röcke und die charakteristische Weise das Haar zu binden, nicht erkannt. Während so einer Busfahrt zu meiner Arbeitsstelle fällt mir auf, dass mir Worte wie Säkularismus, die mir früher als doch recht eindeutige deskriptive Begriffe vorkamen, nun in den Dimensionen, in denen sie meist angewendet werden, mir kaum mehr hinlänglich anwendbar erscheinen. Nicht bei einer Stadt wie Tel Aviv. Als Gedekdienstleistender kümmere ich mich hier in einem privaten Altersheim um betagte Aschkenasim, d.h. Jüdinnen und Juden europäischer (ursprünglich sogar nur österreichischer) Herkunft. Gesprochen wird meist auf Deutsch, während man gemeinsam Stadt–Land–Fluss oder Bingo spielt. Wenn ich keine Aktivitäten leite, unterstütze ich die Pfleger_Innen ein wenig bei ihren Tätigkeiten oder treffe einzelne Heimbewohner_Innen, um mit ihnen zu plaudern. So viel Kaffee und Kuchen habe ich vor diesem Dienst in meinem ganzen Leben nicht konsumiert. Bisher bin ich weder von den Geschichten noch vom Kuchen wirklich satt geworden. Wie viele unterschiedliche Gesichter, Schicksale und Lebensweisen eine einzige Stadt mit weniger als einer halben Million Ein-wohner_Innen (ja, den Ballungsraum vielleicht ausgenommen) in sich vereinen, unter ihren Dächern unterbringen kann, ist verblüffend. Zur Veranschaulichung: In zwei Tagen beginnt Pessach, in der sämtliche israelische Supermärkte Regale mit Getreideprodukten (außer dem ungesäuerten Mazze – sowas wie Knäckebrot) verhängen oder zukleben, weil man sie dem jüdischen Brauch gemäß in dieser Zeit nicht einmal ansehen, geschweige denn konsumieren darf. Zwei Monate später findet in derselben Stadt die größte LGBT-Pride-Parade Asiens statt. Für die Menschen in Tel Aviv ist da kein Widerspruch zu erkennen. Sie hoffen bloß, dass es nicht zu heiß sein wird.

 

Johann Ebert

Leistet derzeit Gedenkdienst in Anita Müller Cohen Elternheim, Tel Aviv.