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Ausgabe 1/16


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vor.gelesen | rezensionen

Rechtsextremismus. Band 2: Prävention und politische Bildung

Forschungsgruppe Ideologien und Politiken der Ungleichheit (FIPU), Mandelbaum, Wien 2016

 

Angesichts von aktuellen Wahlerfolgen rechtsextremer Parteien in ganz Europa widmen sich die WissenschaftlerInnen der Forschungsgruppe Ideologien und Politiken der Ungleichheit (FIPU) in ihrem zweiten Rechtsextremismus-Band – der thematisch an ihren ersten Band aus dem Jahr 2014 anschließt – der Präventionsarbeit jenseits von Feuerwehrfunktion und Allheilmittelfantasien. Sie setzen sich oftmals kritisch mit den vielfältigen Versuchen, antiegalitären Tendenzen in der Gesellschaft entgegenzuwirken und den Schwierigkeiten, auf die diese Vorhaben stoßen, auseinander.

 

Eine thematische Unterteilung der Artikel liegt nicht vor, allerdings lassen sich Themencluster identifizieren. Zunächst gehen zwei Artikel auf institutionelle Schwächen und Mängel in der Politischen Bildung und im Bildungssektor ein. Problematisiert wird die traditionell schwache Institutionalisierung von Politischer Bildung in Österreich, genauso wie der aktuelle Rückzug des Staates aus dem Bildungswesen unter dem Schlagwort des New Public Management.

 

In weiterer Folge gehen eine Reihe von Texten auf die Spezifika von Präventionsarbeit ein und thematisieren die Bildung von Ressentiments im Individuum, die oft schwierigen gesellschaftlichen Bedingungen der Präventionsarbeit, aber auch Vergeschlechtlichungsprozesse. Die Orte dieser Präventionsarbeit sind unter anderem Schulen, Gedenkstätten sowie im Allgemeinen Kontext sozialer Arbeit. Auch die Rolle der Medien in der politischen Bildung wird anhand von Kinder und Jugendliteratur veranschaulicht.

 

Zwei Beiträge setzen sich kritisch mit Deradikalisierung und ihrer aktuellen Ausrichtung auf Anti-Terrorprävention mit Fokus auf islamistische Tendenzen auseinander. Die AutorInnen bemängeln die größtenteils sicherheitspolitisch orientierte Definition und damit Stigmatisierung spezifischer Zielgruppen. Weiters wird speziell die Sinnhaftigkeit von Deradikalisierungsmaßnahmen bei Jugendlichen in Frage gestellt, da das Weltbild dieser Gruppe noch beständig im Wandel ist.

 

Ein abschließender Artikel analysiert die Reaktion der Linken auf den gescheiterten Versuch der Etablierung eines Österreichablegers von Pegida. Da viele VertreterInnen der Linken in Pegida nur das Projekt einer Minderheit sehen würden, verkennen Sie die weite gesellschaftliche Verbreitung rechtsextremer Einstellungen.

 

Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass die AutorInnen der Artikel sowohl die historische Dimension von Politischer Bildung und Prävention als auch deren aktuelle Herausforderungen thematisieren. Die Stärke des Bandes besteht in der Problematisierung der gesellschaftlichen Kontexte, in denen sich Präventionsarbeit abspielt. Teilweise thematische Überschneidungen mit den Arbeiten anderer ForscherInnen – so etwa mit Studien und Überlegungen des Sozialpsychologen Klaus Ottomeyer zum Rechtsextremismus – lassen erkennen, wie groß das behandelte Terrain ist und wie viel Reflexion und praktische Arbeit noch bevorsteht.

 

Pauli Aro

 

 

Der Dollfuß-Mythos. Eine Biographiedes Posthumen

Lucile Dreidemy, Böhlau Verlag, Wien, 2014

 

An der bis heute widersprüchlichen und emotionalen Debatte über den Austrofaschismus knüpft Lucile Dreidemy mit ihrem Buch Der Dollfuß-Mythos an und leistet einen Beitrag, der in seiner Konzeption zweifelsohne neue Wege beschreitet. Unbeeindruckt von der das Regime verharmlosenden Literatur, beschäftigt sich Dreidemy mit Engelbert Dollfuß, ohne dabei eine Biographie im klassischen Sinne zu produzieren. Der Großteil des Buches beschäftigt sich nämlich tatsächlich mit dem posthumen Weiterleben des Diktators. Hierbei steht die Analyse der nach seinem Tod konstruierten Geschichte(n) über sein Leben im Fokus. Wohlgemerkt geht es in dieser Analyse jedoch nicht um alle posthumen Narrative, sondern nur um jene, die Teil des ‚Dollfuß-Mythos‘ wurden. Dazu gehören nach Dreidemy verbale wie visuelle Erzählungen über Dollfuß Leben, die von komplexen Deutungen dieses Lebens abhalten und es stattdessen auf mythologische Archetypen reduzieren, etwa auf das Bild des ‚Märtyrers‘, oder jenes des ‚Arbeitermörders‘.

 

Besondere Erwähnung verdient die methodisches Konzeption des Buches, um den Mythos für eine sozialwissenschaftliche Analyse fassbar und auswertbar zu machen. Da Dreidemy in dem Mythos ein „komplexes Gefüge von gegensätzlichen aber zugleich teils komplementären und ständig voneinander zehrenden Deutungen“ (S. 19) erkennt, ist ihr gleichzeitiges Verständnis des Mythos als spezifischen Diskurs naheliegend. Einer geschichtswissenschaftlichen Arbeit ist damit nicht automatisch geholfen, denn der Diskurs-Begriff ist gerade in historischen Analysen, wo Entwicklungen nach chronologischen Kriterien von großer Bedeutung sind, oftmals keine Hilfe. Dreidemy umgeht diese Schwierigkeit aber konzeptuell mit dem Verweis auf Achim Landwehrs Historische Diskursanalyse, die die grundsätzliche synchrone, also gleichzeitige Ebene des Diskurses um eine diachrone ergänzt, also um jene Zäsuren, die einen Diskurs im Laufe der Zeit verändern. Für den ‚Dollfuß-Mythos‘ bedeutet das konkret drei voneinander getrennt behandelte Phasen, in denen der Mythos als Diskurs dargestellt und analysiert wird: Seine Geburt im Rahmen des Staatskultes von 1934 bis 1938, seine Zerstörung von 1938 bis 1945, und seine Wiederbelebung nach 1945. Die große Stärke des Buches steckt in der Konzeption des Diskurs-Korpus, oder mit anderen Worten Dreidemys Quellenarbeit. Darin berücksichtigt sie auf allen zeitlichen Ebenen nicht nur eine Vielzahl schriftlicher Quellen, ob Biographien oder Flugblätter, sondern auch visueller Quellen, etwa die heute noch bestehenden Dollfuß-Denkmäler quer durch ganz Österreich.

 

Gerade letztgenannte Denkmäler verdeutlichen die Wichtigkeit von Dreidemys Buch. Es zeigt, dass sowohl in der Vergangenheit, als auch in der gegenwärtigen Situation häufig nicht der Anspruch besteht, über den Diktator Dollfuß im Sinne einer konstruktiven Diskussion zu sprechen. Stattdessen dominieren Bilder, die häufig christlich-sozialen oder sozialdemokratischen Interessen dienen. Das macht Dreidemys Buch zu einer wichtigen Lektüre für alle, denen die Aufarbeitung der österreichischen Vergangenheit ein Anliegen ist. Empfehlenswert sind dabei trotz leicht verständlicher Sprache Vorkenntnisse der Geschichte der 1. und 2. Republik.

 

Sebastian Dallinger

 

 

Hochburg des Antisemitismus.Der Niedergang der Universität Wienim 20. Jahrhundert

Klaus Taschwer, Czernin-Verlag, Wien 2015

 

Das im Jahr 2015, dem Jubiläumsjahr der Universität Wien, erschienene Buch von Klaus Taschwer bietet eine umfassende, quellenbasierte Darstellung der Personalpolitik der Universität Wien vom Ende des 19. Jahrhunderts bis zum 600-Jahr-Jubiläum der Hochschule 1965. Berufs- und Aufstiegschancen waren an dieser Institution lange von politischen und rassistischen Motiven geprägt. Durch die Rekonstruktion dieser Hintergründe wird der Umgang der Universität mit Wissen, Wissenschaft und den diese produzierenden Personen dargelegt. Der Autor legt sein Augenmerk auf die Nachzeichnung von Entwicklungslinien, die lange vor 1938 einsetzten und nicht nur den Weg durch den Austrofaschismus in den Nationalsozialismus ebneten, sondern Elemente der nationalsozialistischen Wissenschaftspolitik, nämlich die Vertreibung von Lehrpersonal, das als jüdisch oder politisch unerwünscht kategorisiert wurde, vorweg nahmen. Diese Ansätze werden mit Beginn der 1920er Jahre greifbar gemacht, wobei besonders auf den antisemitischen Geheimbund ‚Bärenhöhle‘ eingegangen wird. Anhand der Biographien von Schlüsselpersonen wie Othenio Abel, kombiniert mit der Darstellung von Entwicklungen in unterschiedlichen Disziplinen, stellt Taschwer den inneruniversitären Einfluss dieser Gruppe zwischen der Entstehung der Ersten Republik und dem ‚Anschluss‘ dar. Hervorzuheben ist, dass nicht allein die Berufungspolitik, sondern auch (verhinderte) Habilitationen analysiert werden. Antisemitische Ausschreitungen, wie etwa um das I. Anatomische Institut unter Julius Tandler während der 1920er Jahre, werden daneben ebenso rekonstruiert wie mediale Reaktionen auf Selbstpositionierungen des Rektorats. Für diese Darstellungen wurden vor allem zeitgenössische Zeitungsartikel der verschiedenen politischen Lager als Quellen herangezogen, ergänzt durch Archivalien, Statistiken und Bildmaterial.

 

Der logische Aufbau, die verständliche Sprache und vor allem die Kontextualisierung der Quellen mit den größeren politischen Entwicklungen der Zeit führen den/die LeserIn sehr anschaulich an das Thema heran und hindurch. Auch Personen, die mit der Geschichte der Universität Wien nicht im Detail vertraut sind, werden nicht nur die wichtigsten Akteure – ausschließlich Männer – nahegebracht, sondern auch der Umgang mit Forschung und Wissenschaft an dieser Institution. Verwiesen sei in diesem Zusammenhang lediglich auf die von Taschwer erwähnten (späteren) Nobelpreisträger, denen eine Karriere an der Universität Wien verweigert wurde. Durch die Einbeziehung der unterschiedlichen Fächer wird veranschaulicht, dass es sich nicht um Einzelfälle oder isolierte Strömungen handelte, sondern um eine gesamtuniversitäre Entwicklung. Besonders deutlich zeigt die Involvierung von Geisteswissenschaftlern in naturwissenschaftliche Berufungen bzw. Habilitationsverfahren den Einfluss der antisemitischen Kartelle. Entwicklungslinien werden nicht straff an den großen politischen Einschnitten des 20. Jahrhunderts festgemacht, sondern der bereits lange zuvor existierende Antisemitismus als Antriebsfeder in den Mittelpunkt gerückt. Dadurch wird dieses Buch zu einer unverzichtbaren Quelle für Personen, die zu Universitätsgeschichte forschen oder sich dafür interessieren.

 

Ina Friedmann